Darauf gab Simon Piesch von der Deutsche Bahn AG interessante Einblicke in die unterschiedlichen Technologien, welche zur Positionsbestimmung von Zügen genutzt werden und welche Möglichkeiten sich hierdurch – gerade im digitalen Kontext – für eine Kapazitätssteigerung auf der Schiene ergeben.
In einem stetig wachsenden Verkehrssektor, so ordnete Piesch ein, sei es im Sinne des Klimaschutzes, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Ein Baustein für mehr und schnelleren Schienenverkehr ohne nennenswerten Aus- und Neubau von Infrastruktur liefere das neue Zugbeeinflussungssystem European Train Control System, kurz ETCS. Zu Beginn ging Piesch zunächst auf die verschiedenen Zugbeeinflussungssysteme in Deutschland und deren Grenzen – im wahrsten Sinne des Wortes – ein. Da jede Nation eigene Zugbeeinflussungssysteme besitze, komme es an Staatsgrenzen immer zu Personal- und Lokwechseln. Dies sei mit einer der Gründe für die Entwicklung von ETCS gewesen, das sich europaweit im Ausbau befinde. Aufgegliedert in verschiedene Ausbaulevel ergäben sich hiermit neue Chancen für den Verkehrssektor.
Im Hinblick auf die Position der Züge seien Restriktionen beim Thema Streckenblock – dem Bereich zwischen zwei Hauptsignalen – eine wesentliche Änderung. Der überwiegende Anteil der Streckenkapazitäten werde durch ortsfeste Signale begrenzt. Ein Zug dürfe erst in einen solchen Blockabschnitt einfahren, wenn dieser sicher frei gemeldet sei. Dies bedeute, dass der Zug entweder bremsend auf ein haltzeigendes Signal zufahre oder ein Blockabschnitt frei sei.
ETCS Level 2 ohne Signale (ETCS L2 oS) löse diese Regelung ab, indem das Fahrzeug die Streckeninformationen direkt per Mobilfunk empfange und diese im Führerraum anzeige. Damit entfielen die Signale an der Strecke, wie zum Beispiel auf der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Mit ETCS L2 oS sei es zudem möglich, wie Piesch weiter ausführte, Geschwindigkeiten permanent zu überwachen und anzupassen. Eine Bindung an ein Hauptsignal sei für die Streckenblöcke nicht mehr nötig, wodurch diese kleiner werden könnten. Dies wiederum ermögliche eine höhere Zugfolge und schließlich mehr Kapazität als mit aktueller Signalisierung vor Ort. ETCS lege auch den Grundstein für weitere Anwendungen. Die Verbindung des Zugbeeinflussungssystems mit einem Fahrtrechner ermögliche das dynamische Führen der Züge nach einem erwarteten Soll-Ist. Dies beschreibe einen ersten Automatisierungsgrad, bezeichnet als GoA 2.
Dies sei auch das Prinzip der Kapazitätssteigerung der S-Bahn Stuttgart, welche derzeit mit hohem Aufwand modernisiert werde. Die Position der S-Bahn werde dabei über eine Balise im Gleis – ähnlich einem NFC-Chip – an das Fahrzeug übermittelt. Zwischen zwei Balisen werde mit Odometrie der Standpunkt berechnet. Das zukünftige Szenario: Alle Stationen der Stammstrecke erhielten 30m Blockabstände. Hierdurch werde das parallele Ein- und Ausfahren zweier S-Bahnen ermöglicht.
Abgerundet wurde der Vortrag mit einem Ausblick auf aktuelle Entwicklungen. Mit der Weiterentwicklung von ETCS auf Level 3 sollten die statischen Streckenblöcke durch einen fahrenden Block, den Zug selbst, ersetzt werden. Hierbei müssten weitere Voraussetzungen geschaffen werden, wie beispielsweise die Präzisierung der Fahrzeugposition. Hier setze das Projekt CLUG – ein Forschungsprojekt unterschiedlichster europäischer Partner im Bahnsektor – an. Ziel des Projektes sei, GNSS für sicherheitsrelevante Systeme nutzbar zu machen und entsprechende Verfahren zu entwickeln.
Ein weiteres Projekt sei der AutomatedTrain, welcher aktuell um Stuttgart auf einer umgebauten S-Bahn als Pilot unterwegs sei. Hier würden verschiedene terrestrische Sensoriken integriert, um einen automatisierten Zugbetrieb zu erproben. Als erster Anwendungsfall diene das automatisierte Bereit- bzw. Abstellen von Zügen im Depot.